On Tour

Ja hallo alle miteinander. Lange hat der Willi nichts mehr von sich hören lassen – denkt ihr vielleicht! Aber in Wirklichkeit bin das letzte halbe Jahr durch ganz Deutschland gejettet und auch durch einige der Nachbarländer und bin in unzähligen Bars usw. aufgetreten… irgendwie muss ich ja mal bekannter werden. Und was soll ich sagen – es hat sich schon gelohnt. Immerhin habe ich erstens ziemlich viel Geld zusammengekratzt und außerdem hat mir in einer dänischen Kneipe ein Typ seine Visitenkarte gegeben. Tatsächlich eine Art Jazz-Produzent. Ich sage bewusst „eine Art“; weil er ganz viele verschiedene Projekte betreut und sich dabei nicht unbedingt auf ein spezielles Genre festlegen will. Jedenfalls hat er mich in sein Studio in Esbjerg eingeladen und das ist in jedem Fall der nächste Plan, den ich in die Tat umsetzen werde. Ich werde jetzt noch auf ein paar Open Airs auftreten, das will ich mir nicht entgehen lassen und danach will ich mal schauen, was der typ für mich im Angebot hat… und vielleicht hab ich ja nochmal das Glück, dass mich jemand anspricht. Aber immerhin hab ich schon genug Geld beisammen, dass ich mir endlich nen Gebrauchtwagen oder so zulegen, das ist nämlich dringend nötig. Im Grunde träume ich ja ein wenig von so einem alte Jetta, kennt jemand den noch? Den hatten meine Eltern früher und der war wie ein Familienmitglied… bis er dann den Geist aufgegeben hat. Ich hab mich schonmal hier umgesehen und bin da eigentlich ganz zuversichtlich, dass ich in den nächsten Wochen was Passendes finde. Aber wie ihr seht, es geht bergauf und darüber bin ich schonmal sehr glücklich und erleichtert.

Was nützt die Raserei

Zugegeben, ich habe mich nun wirklich sehr aufgeregt. Aber es ist auch einfach nervig in letzter Zeit. Diese ganze öffentliche Scharade geht mir auf den Keks, ich brauche eine Auszeit von der Flut an Informationen, die mein Hirn tagtäglich mit nutzlosen Informationen über den Tatort oder die Schwangerschaft von Kate Middleton füllen. Einfach mal Ruhe. Vielleicht lasse ich den Spiegel und die Tagesschau mal für eine Woche links liegen und kappe mich von der Außenwelt ab. Einfach mal eine Woche keine Zeitung, kein Fernsehen, kein Internet. Nur ich, meine Trompete und ein paar gute Bücher, möglichst aus dem 19. Jahrhundert, wo noch nicht jeder sein Seeleninneres veröffentlichen durfte. Vielleicht geht es mir dann besser. Morgen früh erstmal zum Schülerlotsen antreten. Das mache ich ehrenamtlich an der hiesigen Grundschule, das ist immer ganz schön. Es ist eine regelmäßige, verantwortungsvolle Beschäftigung, die Kinder sind ganz lustig und ich bin ein bisschen an der frischen Luft. Und die Eltern und Lehrer sind dankbar, dass ich das übernehme. Ich wollte mir demnächst eigentlich mal ein Auto zulegen, hier hab ich mehr dazu gelesen, nen komischen Namen hat der. Die Nebenjobs sind nur leider momentan etwas rar. Da gibt es nicht viel, um nebenher noch ein paar Mäuse zu machen. Aber so ist das eben als mittelloser Beinahe-Student, da muss man eben warten, bevor man sich was leisten kann. Und sparen wie ein Fuchs. Solange meiner Trompete nichts passiert, ist alles im Lot, die Dinger sind nämlich auch sehr teuer. Bei Verlust: Frust! Jetzt werde ich mich erstmal zur Bandprobe begeben, ein bisschen musizieren lässt meine Laune jubilieren. Oder so. Texte schreibt Gott sei Dank unser Bassist, das war nämlich noch nie so meine Stärke. Außerdem hilft das Trompete spielen gegen kalte Finger, ist ja inzwischen doch wieder ziemlich frisch draußen!

Someday…

Wenn ich erstmal studiert habe, wird der Erfolg schon von ganz alleine kommen. Alles eine Frage der Zeit. Und wenn ich dann erstmal eine Jazz-Größe im Musikbusiness bin ( und dafür habe ich definitiv das Potenzial ) werde ich mich sicher nicht ans Privatfernsehen verkaufen wir Brönner! Mal ehrlich: Setzt sich mit seinem Halbwissen in eine Talentshow, die nichtmal ansatzweise was mit Jazz zu tun hat und urteilt da über junge Leute. Und dann gewinnt er das Ding auch noch! Frechheit, echt. Da sieht man mal wieder, was die Castingshows mit der Welt machen. Treten überall ihre mehr als beschränkte „Musikkompetenz“ breit und machen damit auch noch so richtig viel Kohle. Und die Jugend? Denkt, die Musikwelt besteht nur aus Rock, Pop und Castingshows. Der Horror! Jetzt wird er noch Professor in Dresden! Und hat ein Buch geschrieben! „Talking Jazz“, so ein quatsch, was der spricht, ist alle meine Entchen auf Triangel! Höchstens! Überhaupt, wieso darf heutzutage jeder Idiot ein Buch schreiben? Bushido hat eins rausgebracht, Jasmin Tabatabei, sogar Justin Bieber!!! Der ist gerade mal 18 Jahre alt und bringt seine Biographie raus! Das darf doch echt nicht wahr sein. Neulich war ich bei Thalia, um mir endlich mal wieder etwas gutes zu Lesen zu besorgen. Es war schrecklich. Der Laden bestand ausschließlich aus Vampirlektüre, Biographien drittklassiger Prominenter und „50 Shades of Grey“. Es war zum verzweifeln. Selbst die halbwegs gut ausgeprägte Roman-Abteilung hatte in jedem zweiten Buch eine Frau zum Thema, die so um die 30 Jahre alt ist, beruflich mehr oder weniger erfolgreich, sexuell aktiv aber unbefriedigt ist und nicht versteht, warum Männer so ticken wie sie ticken, die Romantik in ihrem Leben fehlt und Schokolade zwar schmeckt, aber fett macht. Ja, liebe Autoren dieser emanzipierten „Frauen sind so“-Bücher, wir haben es verstanden, die heutige Szenefrau muss bei einem schicken Magazin arbeiten, High-Heels tragen und wenn sie traurig ist auf dem Sofa sitzen, im Jogginganzug, mit Schokoladeneis. Interessiert keinen!!!

Till…Wer?

Till Brönner. Dieser überhebliche Blödmann. Alle Welt lobt ihn, alle Welt liebt ihn, aber mich kennt keiner und ich habe tausend mal mehr Talent als dieser dämliche Pustenheini Till Brönner. Willi Sorge müsste müsste von den Plakaten leuchten und nicht Till Brönner! Gibt sogar Interviews für den Spiegel. Der Spiegel ist doch eh nur noch ein Klatschblatt über den Tatort, „Wetten, dass…?“ und Günther Jauch. Die hatten einen LIVE-TICKER zu ersten Show mit Lanz von „Wetten,dass…?“ ! Was soll das denn bitte? Aber dann große Entdeckerjournalisten spielen, die rausfinden, dass das Imperium Deutschland einen Todesstern abkaufen will, sollen wir, sollen wir nicht, und was werden die Grünen dazu sagen? Buhuhu. Gestern lief Hart aber Fair, Thema war die Homo-Ehe. Nach fünf Minuten schloss ich mit meinem Mitbewohner die Wette ab, dass morgen auf der Startseite vom Spiegel ein Artikel stehen würde, der sich über die ( zugegeben wirklich anstrengenden) Katholiken der Runde aufregen würde. Heute Morgen, es war die fünfte Schlagzeile auf der Startseite. Wie vorhersehbar, lieber Spiegel. Arno Frank versucht wieder ein bisschen Öl ins politische Feuer zu gießen und nebenher noch ein wenig öffentlich-rechtliche Medienkompetenz auszuüben. Aber darum ging es jetzt nicht, es ging um Trompetenwunder Till Brönner. Ich bin selbst ein hervorragender Trompeter. Dummerweise habe ich nicht so viel Schwein wie der Brönner. Zurzeit bin ich arbeitslos und wohne in einer WG. Nicht unbedingt der Typ Musiker, dem die Frauen in Scharen hinterher rennen. Jazz ist mein Metier, schon immer gewesen. Jedes Jahr fahre ich in die Heimatstadt des Jazz, nach good old New Orleans, um dort meine Inspiration zu finden. Momentan spiele ich in zwei Bands gleichzeitig. Nicht nur, weil ich arbeitslos bin, nur, damit wir uns richtig verstehen. Ich warte noch auf einen Studienplatz für Musik, es kann nicht mehr lange dauern!